Ad-hoc-Gruppe Meritokratie: Ausprägungen und Paradoxien eines gesellschaftlichen Leitbildes am Beispiel von Wissenschaft und Hochschule

Aus dem Arbeitskreis heraus wird auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) eine Ad-hoc-Gruppe zum meritokratischen Prinzip in der Wissenschaft organisiert.

Meritokratie ist eine fundamentale Norm funktional differenzierter Gesellschaften. Insbesondere für eine “Gesellschaft unter Spannung”, so der Titel des DGS-Kongresses, leistet das meritokratische Prinzip einen wesentlichen Beitrag zur Herstellung sozialer Ordnung.

Die Ad-hoc-Gruppe setzt voraus, dass soziale Ordnung in der Regel sowohl anhand meritokratischer als auch nicht-meritokratischer Faktoren hergestellt wird. Von größerem Interesse ist das Spannungsverhältnis, das aus der weithin unumstrittenen Gültigkeit des meritokratischen Prinzips und seiner in der Regel unzureichenden Verwirklichung entsteht. Um diesem Spannungsverhältnis nachzugehen, führt die Ad-hoc-Gruppe bislang eher unverbunden nebeneinanderstehende Stränge der Bewertungs- und Ungleichheitssoziologie zusammen und fragt nach verschiedenen Ausprägungen und Paradoxien meritokratischer Vorstellungen: Wie genau werden verschiedene Leistungsbegriffe inter-pretiert und in Passung gebracht? Welche praktischen Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung des meritokratischen Prinzips? Inwiefern konkurriert es mit alternativen Bewertungs-, Sanktions- und Legitimationsprinzipien?

Als Anwendungsfall für die Untersuchung dieser Fragen dient der Ad-hoc-Gruppe das Wissenschafts- und Hochschulsystem, dessen Affinität für das meritokratische Prinzip sich auf verschiedenen Ebenen zeigt: Auf systemischer Ebene initiieren etwa Universitätsrankings und die deutsche Exzellenzstrategie Wettbewerbe zwischen Hochschulen und machen Leistung zu einem zentralen Ordnungsprinzip der Hochschullandschaft. Auf organisationaler Ebene werden Fakultäten oder Institute bei der leistungsorientierten Mittelvergabe an ihren Leistungen gemessen und im Rahmen universitärer Profilbildungsprozesse in ein Wettbewerbsverhältnis gesetzt. Die Einführung von Leistungszulagen in der Professor*innenbesoldung, Forderungen nach konkreten Leistungsindikatoren im Rahmen von Berufungsverfahren sowie die Einführung von Junior- und Tenure-Professuren mit angeschlossenen Evaluationsverfahren weisen schließlich auf die hohe Bedeutung des meritokratischen Prinzips auf Ebene einzelner Wissenschaftlerinnen hin.

Ein breiter Forschungsstand zeigt jedoch für alle drei Ebenen, dass Leistung immer auch mit anderen Einflussfaktoren (bspw. Geschlecht und sozialer Herkunft), Allokationslogiken (bspw. Matthäus-Effekt) und Ordnungsprinzipien (bspw. Diversität) konkurriert. Hier setzt die Ad-hoc-Gruppe mit bewertungs- und ungleichheitssoziologischen Perspektiven an um zu untersuchen, wie das Leistungsprinzip angesichts seiner Deutungsoffenheit, trotz seiner so offensichtlich mangelhaften Umsetzung und in Konkurrenz mit anderen normativ wirkmächtigen Prinzipien seine zentrale ordnungsstiftende Funktion erhält.

Die Ad-hoc-Gruppe besteht aus fünf Vorträgen: Ein erster, konzeptuell-einführender Beitrag von Uwe Schimank schlägt eine Brücke zwischen der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung von Meritokratie und ihrem Stellenwert in der Wissenschaft. Die weiteren Beiträge adressieren Ausprägungen und Paradoxien meritokratischer Prinzipien auf verschiedene Ebenen des Wissenschafts- und Hochschulsystems. Der Beitrag von Lena M. Zimmer wird Fachkulturen im Spannungsfeld zwischen historisch gewachsenen Ideen von Leistung und neuen globalen Leistungsindikatoren diskutieren. Frank Meier wird in seinem Beitrag zeigen, wie bei der universitären Profilbildung fachliche Entscheidungen anhand meritokratischer Prinzipen legitimiert werden. Die Vereinbarung professioneller und organisationaler Leistungsbegriffe thematisiert der Beitrag von Melike Janßen. Abschließend zeigt der Beitrag von Julian Hamann, wie das Leistungsprinzip in Berufungsverfahren mit weniger leistungsorientierten Bewertungskriterien wie etwa sozialer Passung konkurriert.

Die Ad-hoc-Gruppe findet am 16.09.2020 von 13:30 bis 16:30 Uhr statt. Sie wird von Julian Hamann und Lena M. Zimmer organisiert.